Hintergrund
VIP wurde 1970 von Said und Mutt zunächst aus porcinem Dünndarm isoliert und zunächst als rein vasodilatatorisches Peptid klassifiziert. Spätere Forschung offenbarte ein weitaus komplexeres Wirkspektrum: VIP ist eines der potentesten endogenen Immunregulatoren und Antiphlogistika des menschlichen Organismus. Es gehört zur Sekretin-Superfamilie, zu der auch PACAP, Glucagon, GIP und GLP-1 zählen – alle mit evolutionär verwandter Rezeptorarchitektur.
Im zentralen Nervensystem ist VIP ein wichtiger Neurotransmitter im suprachiasmatischen Kern (SCN), dem Master-Taktgeber des zirkadianen Rhythmus. Peripher wirkt es als parakriner Mediator in Darm, Lunge, Immunsystem und Reproduktionsorganen.
Wirkmechanismus
VIP bindet an VPAC1 und VPAC2 (G-Protein-gekoppelt, Gs-Kopplung → cAMP↑ → PKA-Aktivierung). Die immunmodulatorischen Effekte umfassen:
- Hemmung pro-inflammatorischer Zytokine: TNF-α, IL-6, IL-12, IL-17, IFN-γ↓
- Induktion anti-inflammatorischer Mediatoren: IL-10, TGF-β↑
- T-Zell-Polarisierung: Verschiebung von Th1/Th17 → Th2/Treg-Phänotyp
- Bronchodilatation: Relaxation glatter Bronchialmuskelzellen über VPAC2
- Neuroprotektive Effekte: Aktivierung von MAPK, PI3K/Akt-Überlebenswegen in Neuronen
Forschungsstand
Die klinisch fortgeschrittenste Anwendung ist Aviptadil (synthetisches VIP, NeuroRx) für ARDS und schwere COVID-19-Pneumonie. In Phase-II/III-Studien zeigte inhalatives Aviptadil eine verbesserte Oxygenierung und reduzierte Inflammationsmarker bei mechanisch beatmeten Patienten. Für pulmonale arterielle Hypertonie befinden sich VIP-basierte Therapeutika ebenfalls in klinischer Erprobung.
Weitere aktive Forschungsfelder: erektile Dysfunktion (intrakorporale VIP/Phentolamin-Kombination, in einigen Ländern zugelassen), trockenes Auge-Syndrom (topisches VIP) und Crohn-Erkrankung.
Hinweis
VIP ist ein körpereigenes Peptid mit breitem Rezeptorprofil. Exogene Zufuhr hat aufgrund der sehr kurzen Plasmahalbwertszeit von 1–2 Minuten ohne pharmazeutische Formulierung (Retard-Systeme, Inhalation) kaum klinische Wirkung. Reine Forschungsanwendungen außerhalb klinischer Studien sind nicht standardisiert.

