Bodycode_Research
Longevity & Anti-AgingResearch Use OnlyProfil #58
#58

SS-31

Elamipretide (MTP-131) - aromatisch-kationisches Tetrapeptid

Was es ist

SS-31 (auch Elamipretide oder MTP-131) ist ein synthetisches Tetrapeptid mit der Sequenz D-Arg-2',6'-Dmt-Lys-Phe-NH2, wobei Dmt fuer 2',6'-Dimethyltyrosin steht.

Das Peptid wurde von Hazel Szeto und Peter Schiller entwickelt (daher 'SS' fuer Szeto-Schiller). Es gehoert zur Klasse der aromatisch-kationischen Mitochondrien-targeting-Peptide. SS-31 konzentriert sich selektiv in der inneren Mitochondrienmembran durch elektrostatische Wechselwirkungen und bindet dort spezifisch an Cardiolipin, ein einzigartiges Phospholipid, das fast ausschliesslich in der inneren Mitochondrienmembran vorkommt.

Wofür es erforscht wird

  • Mitochondriale Protektion und Funktionserhalt
  • Herzinsuffizienz und Kardiomyopathie
  • Barth-Syndrom (seltene Cardiolipin-Stoffwechselerkrankung)
  • Altersassoziierter Muskelschwund (Sarkopenie)
  • Renale Ischaemie-Reperfusionsschaeden
  • Neurodegenerative Erkrankungen (praeklinisch)

Stand der Forschung

Evidenzlevel: frühe Humanstudien.

Eigenständige Verifizierung empfohlen.

Halbwertszeit

Nach intravenoeser Infusion: relativ kurze Halbwertszeit im Plasma (< 1 Stunde), aber prolongierte mitochondriale Retention durch hohe Bindungsaffinitaet an Cardiolipin. Mitochondriale Wirkdauer uebertrifft Plasma-Halbwertszeit erheblich.

Anwendung in der Forschung

Zwei dokumentierte Applikationswege: intravenös in akuten kardiologischen Studien (Kurzinfusion, z.B. 0,05 mg/kg/h), subkutan in chronischen Indikationen (40 mg/Tag s.c., u.a. Phase-3-Studie MMPOWER-3). Keine orale Bioverfügbarkeit. Kein zugelassenes Anwendungsschema.

Vollständiges Profil mit Studienverweisen, Halbwertszeit und Forschungsanwendung – nur für Premium-Mitglieder.

Premium freischalten – 99 € einmalig

Rechtlicher Hinweis – Research Use Only

Die hier dargestellten Informationen dienen ausschließlich Forschungs- und Bildungszwecken. Diese Substanz ist in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen und darf nicht zur Anwendung am Menschen eingesetzt werden. Die Inhalte ersetzen keine ärztliche Beratung.

Hintergrund

Mitochondriale Dysfunktion gilt als einer der zentralen Mechanismen sowohl bei altersbedingtem Gewebezerfall als auch bei Herzinsuffizienz, Sarkopenie und verschiedenen seltenen genetischen Erkrankungen. Die innere Mitochondrienmembran (IMM), Sitz der oxidativen Phosphorylierung und der ATP-Synthase, ist besonders anfaellig fuer oxidativen Stress – und ihr charakteristisches Phospholipid Cardiolipin spielt dabei eine Schluesselrolle.

SS-31 (Elamipretide) wurde in den fruehen 2000er Jahren von Hazel Szeto (Weill Cornell Medical College) und Peter Schiller (Universite de Montreal) entwickelt. Das Peptid zielte als erstes Molekuel spezifisch auf die innere Mitochondrienmembran ab – ein Ansatz, der das Feld der Mitochondrialmedizin mitbegrndet hat. Die Substanz wurde unter dem Entwicklungsnamen MTP-131 von Stealth BioTherapeutics klinisch entwickelt und zuletzt als Elamipretide fuer das Barth-Syndrom bewertet.

2021 scheiterte ein Phase-3-Trial fuer das Barth-Syndrom (eine seltene, X-chromosomal vererbte Cardiolipin-Synthese-Stoerung) am primaeren Endpunkt – ein erheblicher Rueckschlag. Die Forschung zu anderen Indikationen (Herzinsuffizienz, Altern) laeuft weiter.

Wirkmechanismus

SS-31 nutzt eine elegante molekulare Selektivitaet:

Mitochondriale Akkumulation: Die alternierenden aromatischen und kationischen Aminosaeuren (D-Arg, Lys) verleihen dem Molekuel einen positiven Ladungscharakter, der es entlang des negativen Membranpotentials der IMM akkumulieren laesst. Gleichzeitig ermoeglichen die aromatischen Gruppen (Dmt, Phe) hydrophobe Interaktionen mit der Membran.

Cardiolipin-Bindung: Cardiolipin ist ein einzigartiges Bis-phosphatidyl-Glycerolipid, das fast ausschliesslich in der IMM vorkommt und dort ~25% des Gesamtphospholipidgehalts ausmacht. SS-31 bindet Cardiolipin mit hoher Affinitaet. Cardiolipin ist essentiell fuer:

  • Stabilisierung der Elektronen-Transport-Kette (Komplexe I-V)
  • Membranfluiditaet und -potential
  • Cytochrom-c-Retention (anti-apoptotisch)
  • Mitophagie-Signaling

Funktionale Konsequenzen der SS-31-Bindung: Szeto und Schiller (2011) zeigten, dass SS-31 die Cardiolipin-Oxidation durch reaktive Sauerstoffspezies (ROS) verhindert, die Elektronen-Transport-Kette stabilisiert, das mitochondriale Membranpotential erhaelt und ATP-Synthese verbessert. Gleichzeitig wird die pathologische Cytochrom-c-Freisetzung reduziert.

Was die Forschung untersucht

Herzinsuffizienz im Tiermodell (Sabbah et al., 2016): An Hunden mit experimentell induzierter fortgeschrittener Herzinsuffizienz verbesserte chronische Elamipretide-Therapie sowohl die linksventrikulaere Ejektionsfraktion als auch mitochondriale Funktionsparameter (ATP-Produktion, Membranpotential, Morphologie). Dies war einer der ueberzeugensten praeklinischen Befunde und motivierte den klinischen Schritt.

Phase-2-RCT Herzinsuffizienz (Daubert et al., 2017): In der EMBRACE-HF-Studie erhielten 71 Patienten mit stabiler Herzinsuffizienz (EF ≤ 40%) eine 4-stuendige intravenose Elamipretide-Infusion vs. Placebo. Primaerer Endpunkt (Reduktion des Fuellungsdrucks) wurde numerisch nicht signifikant erreicht, aber sekundaere Endpunkte zeigten Verbesserungen. Sicherheitsprofil war guenstig.

Direkte mitochondriale Messungen am menschlichen Herzen (Chatfield et al., 2019): In humanen Herzmuskelbiopsien von Patienten mit Herzinsuffizienz verbesserte ex-vivo Elamipretide-Exposition signifikant die mitochondriale Atmungskapazitaet (Komplex I/II-verknuepfte Respiration). Dies ist ein seltenes Beispiel direkter mitochondrialer Funktionsmessung im menschlichen Zielorgan.

Barth-Syndrom: Phase-3-Scheitern (2021) zeigte keine signifikante Verbesserung im 6-Minuten-Gehtest (primaerer Endpunkt) gegenueber Placebo, obwohl sekundaere Endpunkte wie Muskelkraft Signale zeigten.

Was wir nicht wissen

  • Warum scheiterte Phase 3 beim Barth-Syndrom? Ob mangelnde Wirksamkeit, suboptimale Endpunktwahl, Patientenselektion oder andere Faktoren verantwortlich sind, ist nicht vollstaendig geklart.
  • Optimale Formulierung und Applikationsweg: Intravenose Infusion ist klinisch unpraktisch fuer chronische Therapie. Subkutane und Depot-Formulierungen werden entwickelt, aber nicht klinisch validiert.
  • Wirksamkeit bei altersassoziierter Sarkopenie beim Menschen: Nur praeklinische Daten (stark positiv im Mausmodell), keine RCT-Daten.
  • Langzeitsicherheit bei wiederholter Anwendung: Nicht ausreichend charakterisiert.
  • Cardiolipin-Oxidation als kausaler Mechanismus: Ob SS-31's Wirkung primaer ueber Cardiolipin-Schutz vermittelt wird oder andere mitochondriale Ziele involviert sind, ist nicht abschliessend geklart.
  • Vergleich mit anderen mitochondrialen Interventionen (MitoQ, SkQ1, NAD+-Vorlaufer) fehlt in Head-to-Head-Studien.

Wichtige Hinweise

SS-31/Elamipretide wird ausschliesslich intravenoese verabreicht und ist kein selbst anwendbares Forschungsreagenz. Wichtige Aspekte:

  • Die intravenose Applikation erfordert medizinische Ueberwachung
  • Das Sicherheitsprofil aus Humanstudien war guenstig (keine schwerwiegenden Nebenwirkungen)
  • Die praeklinischen Befunde (insbesondere zu Altern und Sarkopenie) sind vielversprechend, aber noch nicht auf den Menschen ubertragbar belegt
  • "Research Chemical"-Anbieter fuer SS-31 operieren ausserhalb jeder regulatorischen Kontrolle; Qualitaet, Reinheit und Sicherheit sind nicht gewaehrleistet

Rechtlicher Status (Deutschland)

SS-31/Elamipretide ist in Deutschland und weltweit nicht als Arzneimittel zugelassen. Der Entwickler Stealth BioTherapeutics durchlief klinische Studien, ohne Marktzulassung zu erreichen. Die Substanz faellt unter das AMG als nicht zugelassenes Praeparat. Kauf und Anwendung ausserhalb klinischer Studien sind in Deutschland illegal.

Einordnung

SS-31/Elamipretide ist ein wissenschaftlich faszinierendes Molekuel, das einen neuen Ansatz in der Mitochondrialmedizin erofnet hat. Die Mechanistik ist gut charakterisiert, der klinische Proof-of-Concept aus Herzinsuffizienzstudien und humanen ex-vivo-Daten ist ueberzeugend genug, um weiteres Interesse zu rechtfertigen.

Das Phase-3-Scheitern beim Barth-Syndrom ist jedoch ein ernstzunehmender Rueckschlag, der den Weg zur Zulassung erheblich verlangsamt oder versperrt hat. Ob die mitochondriale Dysfunktion in anderen Indikationen (Herzinsuffizienz, altersassoziierter Muskelschwund) durch Elamipretide klinisch signifikant verbessert werden kann, bleibt die zentrale offene Frage. Das Konzept der Cardiolipin-Protektion als therapeutische Strategie bleibt vielversprechend – die klinische Umsetzung ist noch nicht gelungen.

STUDIEN

Verlinkte Forschung

WEITERE PROFILE

Verwandte Peptide

Zurück zur Datenbank
Teilen