Hintergrund
Polymyxine wurden in den 1940ern entdeckt, dann in den 1970ern wegen Nephrotoxizität verlassen, und sind seit den 2000ern zurückgekehrt – erzwungen durch die Explosion multiresistenter Gram-negativer Infektionen. Die Menschheit konnte sich damals keine Bakterien vorstellen, gegen die Polymyxine die letzte Option sind. Die Antibiotika-Resistenz-Krise hat das geändert.
Wirkmechanismus: Lipid-A-Disruption
PMB (kationisch, Diaminobuttersäure-Reste)
→ Gram-negative äußere Membran
→ Kompetitive Verdrängung von Ca²⁺/Mg²⁺ an LPS-Lipid-A
→ Strukturstörung der äußeren Membran
→ Innere Membran-Permeabilisierung (Selbst-vermittelt)
→ Ionenleck → Zelltod
PMB wirkt konzentrationsabhängig und schnell bakterizid.
Polymyxin B vs. Colistin (Polymyxin E)
| Parameter | PMB | Colistin (PME) |
|---|---|---|
| Form | Direkt aktiv | Prodrug CMS (Colistimethansulfat) |
| Aktivierung | Nicht nötig | In vivo zu Colistin |
| Renal | Nephrotoxisch | PME-Prodrug weniger nephrotoxisch? (umstritten) |
| Verbreitung | USA | Europa stärker |
Nephrotoxizität und Neurotoxizität
Polymyxin B-Nephrotoxizität (akute Tubulusnekrose) tritt bei 20-50% der systemisch behandelten Patienten auf. Neurotoxizität: Parästhesien, Neuromuskuläre Blockade. Therapeutisches Drug Monitoring (TDM) notwendig.
LPS-Neutralisation: Adjunkter Einsatz
PMB bindet LPS mit hoher Affinität → endotoxin-neutralisierend. PMB-immobilisierte Fiber-Säulen (Toraymyxin®) werden in Japan/Europa zur extrakorporalen LPS-Entfernung bei Sepsis eingesetzt (strittige klinische Evidenz).
Einschränkungen
Nephrotoxizität limitiert Dosierung. Resistenzentwicklung möglich (mcr-1-Gen, plasmid-vermittelt). Kein Einsatz bei Gram-positiven. Schlechte Gewebe-Penetration (ZNS, Lunge). TDM-geführte Dosierung wichtig.

