Hintergrund
Das POMC-Gen (Proopiomelanocortin) ist eines der bemerkenswertesten in der Neuroendokrinologie: Ein einziges Gen kodiert für mehr als 10 biologisch aktive Peptide. NEI (Neuropeptide EI) ist eines der weniger bekannten POMC-Fragmente, zeigt aber eigenständige biologische Aktivitäten.
Das POMC-Gen: Multiple Fragmente
POMC (241 AA, Mensch)
→ Signalpeptid (1-26)
→ N-POC (27-105) → γ-MSH
→ CLIP (18AA)
→ NEI (106-118, 13 AA): Prolaktin-Stimulation
→ Joining peptide
→ ACTH (139-176) → α-MSH + CLIP
→ β-Lipotropin → β-MSH + β-Endorphin
→ γ-Endorphin, α-Endorphin
Welche Fragmente entstehen, hängt von der Prohormon-Konvertase-Expression im jeweiligen Gewebe ab (PC1/3 in Hypophyse, PC2 im Hypothalamus).
NEI und Prolaktin
NEI i.c.v. → Prolaktin-Anstieg in Blut. Mechanismus: Direkte Wirkung auf Adenohypophysen-Lactotropen oder über Dopamin-Hemmung? Die direkte Stimulation von Lactotropen in Zellkulturen spricht für direkten Effekt. Wichtig: Die Adenohypophysen-Prolaktin-Regulation ist komplex (Dopamin als Haupthemmer, TRH als Stimulator), NEI ist ein weiterer modulierender Faktor.
Analgesie ohne Opioidrezeptoren
NEI in Tiermodellen: spinale Injektion → antinozizeptive Wirkung, nicht durch Opioidantagonisten blockierbar. Unbekannter Mechanismus. Mögliche Interaktion mit NPFF-Rezeptoren (RFamide-Familie) oder einem noch unbekannten Receptor?
LH-Pulsmodulation
NEI beeinflusst pulsatile LH-Sekretion → Verbindung zum GnRH-Pulsgenerator. Ob über Kisspeptin- oder KNDy-Neurone vermittelt, ist unklar.
POMC-Prozessierung: Gewebe-spezifisch
In der Adenohypophyse wird POMC hauptsächlich zu ACTH + β-LPH prozessiert (PC1/3). Im Nucleus arcuatus (Hypothalamus) entstehen α-MSH + β-Endorphin + γ-MSH + NEI (PC2 aktiv). NEI ist daher primär ein zentrales Neuropeptid, kein zirkulierendes Hormon.
Einschränkungen
Sehr wenig publizierte Daten. Unbekannter Rezeptor. Keine klinische Relevanz. Interessant als Teil des POMC-Prozessierungs-Konzepts. Kaum Replikation der Originalstudien aus den 1990ern.

