Hintergrund
Chemerin wurde zunächst als Chemokin-ähnliches Protein in der Haut entdeckt (als TIG2 = Tazaroten-induziertes Gen 2, durch Retinoide hochreguliert). Erst 2003 identifizierte Wittamer den CMKLR1-Rezeptor und den chemotaktischen Charakter.
Die Multifunktionalität von Chemerin ist faszinierend: Je nach Gewebe, Konzentration und proteolytischer Prozessierung kann dasselbe Protein pro-inflammatorisch (frühe Immunantwort), anti-inflammatorisch (Entzündungsauflösung) und metabolisch (Adipogenese) wirken.
Proteolytische Aktivierung: Wichtig für Funktion
Prä-Chemerin (163 AA) ist biologisch inaktiv. Aktivierung durch:
- Cathepsin G (aus Neutrophilen): → Chemerin(21-157) → CMKLR1-Agonist
- Tryptase (aus Mastzellen): ähnlich
- Carboxypeptidase B (inaktiviert): → Chemerin(21-154) → schwach aktiv
Die spezifische proteolytische Form bestimmt die biologische Aktivität:
- Kurzes C-terminales Stück (Chemerin9, YFPGQFAFS): Anti-Entzündung, Resolvin-ähnlich
- Längere Formen: pro-chemotaktisch
Chemerin und Adipositas
- Chemerin im Plasma: bei BMI-Zunahme linear steigend
- Fettgewebe produziert Chemerin → zirkuliert → Leber/Muskeln
- Insulinresistenz: Chemerin → CMKLR1 auf Leber → Gluconeogenese↑?
- Adipogenese: Chemerin aktiviert Präadipozyten-Differenzierung zu Adipozyten
Chemerin bei PCOS
Plasma-Chemerin bei PCOS signifikant erhöht (meta-analysiert):
- Assoziation mit Hyperandrogenismus und Insulinresistenz
- Androgene → Chemerin↑ (möglicherweise adrenale Quelle)
- Chemerin → Ovar → granulosa-Zellen → Reproduktionsstörung?
Einschränkungen
Komplexe Biologie durch kontextabhängige Wirkungen (pro vs. anti-inflammatorisch). Kein therapeutisches Ziel etabliert. Chemerin-Spiegel als Biomarker: nicht routinemäßig eingesetzt. Speziesunterschiede (Maus vs. Mensch) bestehen.

