Hintergrund
Secretin hat den besonderen Ruhm, das erste Hormon in der Geschichte der Biowissenschaften zu sein. Bayliss und Starling zeigten 1902, dass ein chemischer Botenstoff – nicht Nerven – die Pankreas-Sekretion reguliert. Sie nannten ihn Secretin und prägten 1905 dafür den Begriff „Hormon” (griech. „hormao” = in Bewegung setzen). Damit begründeten sie die Endokrinologie als wissenschaftliche Disziplin.
Secretin gehört zur Glucagon-Peptid-Superfamilie (zusammen mit GIP, GLP-1, VIP, PACAP, Glucagon). Alle diese Peptide teilen strukturelle Homologie in der N-terminalen Region.
Wirkmechanismus
- Bikarbonat-Sekretion: Secretin → SCTR auf Pankreas-Gangzellen → cAMP↑ → HCO₃⁻-Ausschüttung → Neutralisierung von Magensäure im Duodenum
- Magensäure-Hemmung: Hemmung der Gastrin-stimulierten HCl-Sekretion
- Gallenblasen: Förderung Gallenfluss und Bikarbonat-reicher Gallenflüssigkeit
- Trophisch: Proliferationsförderung von Pankreas-Azinuszellen (chronisch)
- ZNS: Secretin-Rezeptoren im Kleinhirn und Hippocampus; mögliche Rolle bei Lernprozessen
Diagnostische Anwendung
Der Secretin-Stimulationstest ist Goldstandard für:
- Chronische Pankreatitis (reduzierter HCO₃⁻-Output)
- Gastrinom/Zollinger-Ellison-Syndrom (paradoxe Gastrin-Erhöhung)
- MRCP (MR-Cholangiopankreatographie) mit Secretin-Gabe (Gangweitung)
Autismus-Kontroverse
1998 erschien ein Fallbericht über dramatische Verbesserungen bei 3 Kindern nach Secretin-Gabe. Daraufhin explodierten Off-Label-Anfragen. Mehrere große RCTs (Cochrane-Review 2012) zeigten keinerlei konsistenten Benefit gegenüber Placebo. Die Episode gilt als Lehrbeispiel für den Placebo-Effekt und den Druck auf Eltern betroffener Kinder.

