Hintergrund
Motilin ist besonders bekannt durch einen pharmakologischen Zufallsbefund: 1984 entdeckten Itoh et al., dass Erythromycin – ein Makrolid-Antibiotikum – an Motilin-Rezeptoren bindet und prokinetische Wirkung hat. Seitdem ist Erythromycin der meistgenutzte Motilin-Agonist in der Intensivmedizin bei Magenentleerungsstörungen, obwohl es eigentlich ein Antibiotikum ist.
Der MMC (Migrating Motor Complex) ist ein zyklischer Motilitätsmuster im Nüchternzustand, der alle 90–120 Minuten abläuft und den GI-Trakt von Resten reinigt. Motilin ist der Hauptauslöser der Phase III des MMC (starke propulsive Kontraktionen). Fehlt dieser Rhythmus (z.B. bei diabetischer Gastroparese), akkumulieren Reste und pathogene Keime.
Wirkmechanismus
- MLNR-Aktivierung (glatte Muskulatur, Myenterisches Plexus): Starke propulsive Kontraktionen im Magen und Dünndarm
- MMC-Auslösung: Zyklische Freisetzung alle 90 min im Nüchternzustand → „Haushaltswelle”
- Magenentleerung↑: Beschleunigung der Magenentleerung bei verzögerter Motilität
- Erythromycin-Mimikry: Erythromycin bindet MLNR mit geringerer Affinität als nativ Motilin, aber klinisch ausreichend prokinetisch
Klinische Anwendung
Erythromycin i.v. (125–250 mg) ist Standard-Prokinetikum auf Intensivstationen für enterale Ernährung bei Gastroparese. Tachyphylaxie (Rezeptor-Desensibilisierung nach 3–7 Tagen) limitiert Dauertherapie. Neuere selektive Motilin-Agonisten ohne Antibiotika-Wirkung (Camicinal) haben Phase II abgeschlossen, wurden aber nicht weiterentwickelt.
Einschränkungen
Natives Motilin ist therapeutisch nicht nutzbar (zu instabile HWZ). Selektive Motilin-Agonisten haben die klinischen Erwartungen bisher nicht erfüllt. Relamorelin (Ghrelin-Agonist) hat Motilin-Agonisten als experimentellen Prokinetika-Ansatz teils überholt.

