Hintergrund
Das Konzept des Immunogenen Zelltods (ICD) revolutionierte das Verständnis, warum manche Chemotherapeutika eine lang anhaltende Anti-Tumor-Immunität induzieren. Calreticulin-Translokation ist das Herzstück dieses Prozesses.
Guido Kroemer und Laurence Zitvogel zeigten 2007 in Nature Medicine: Der Unterschied zwischen einer „guten" (immunisierenden) und einer „schlechten" (nicht-immunisierenden) Tumorzell-Apoptose liegt in der CRT-Oberflächenexposition.
ICD-Mechanismus: CRT als Zentralschalter
ICD-induzierender Stimulus (Doxorubicin, Oxaliplatin):
→ ER-Stress → PERK-Phosphorylierung → eIF2α-Phosphorylierung
→ CRT-Translokation an Plasmamembran-Außenseite
Surface-CRT → SCARF1/LRP1 auf DC:
→ Phagozytose der Tumorzelle
→ Tumor-Antigen-Aufnahme
→ MHC-I Kreuzpräsentation
→ CD8+ T-Zell-Priming → Anti-Tumor-Immunität
Gleichzeitig: HMGB1-Freisetzung (TLR4-Aktivierung)
ATP-Sekretion (P2Y11-Aktivierung auf DC)
→ DAMPs-Signatur = Vollständiger ICD
Klinische Relevanz bei Chemotherapie
CRT-Oberflächenexposition nach Chemotherapie korreliert mit Patientenprognose:
- Brustkrebs: Doxorubicin-behandelte Tumoren mit hoher CRT-Expression → bessere immunologische Response
- Kolorektalkarzinom: Oxaliplatin (ICD-Induktor) vs. Cisplatin (kein ICD) → Oxaliplatin klinisch überlegener
- CALR-Mutation bei MPN (myeloproliferative Neoplasien): Gain-of-function in Stammzellen → therapeutisches Target
Synthetische CRT-Peptide als Impfstoff-Adjuvanzien
Peptide aus dem N-terminalen CRT-Bereich (CRT₁₋₁₈₀) können:
- Als Impfstoff-Träger für Tumor-Epitope funktionieren (CRT-Fusionspeptide)
- DC-Reifung direkt stimulieren
- Anti-Tumor-Immunantworten ohne vollständigen ICD auslösen
Präklinische Daten in Maustumormodellen: CRT-Peptid-Vakzinen → verzögertes Tumorwachstum.
Einschränkungen
Calreticulin ist primär ein intrazelluläres Protein — lösliche CRT-Fragmente und synthetische CRT-Peptide sind nicht identisch mit dem ICD-Signal. Klinische Translation schwierig. Biomarker-Nutzung (CRT-Messung post-Chemo) noch nicht standardisiert. Redundanz mit anderen DAMPs (HMGB1, ATP) macht isolierten CRT-Beitrag schwer quantifizierbar.

