Hintergrund
α-MSH ist das endogene Vorläufermolekül der gesamten Melanocortin-Peptid-Familie. Die Entdeckung, dass ein einziges Gen (POMC) durch gewebespezifisches Splicing und posttranslationale Modifikation völlig unterschiedliche Peptidhormone produziert (α-MSH, ACTH, β-Endorphin), war ein Paradigmenwechsel der Molekularbiologie.
Das α-MSH-System ist eines der ältesten regulatorischen Systeme in der Evolution und findet sich in Wirbeltieren und Wirbellosen gleichermaßen. Die breite Rezeptorverteilung (MC1R in Haut, MC3R/MC4R in Hypothalamus, MC5R in Schweißdrüsen) erklärt die vielfältigen physiologischen Funktionen.
Wirkmechanismus
- MC1R (Melanozyten): Pigmentierung, Hautschutz gegen UV, Entzündungshemmung
- MC3R (Hypothalamus, Immunzellen): Anti-inflammation, Energiehomöostase
- MC4R (Hypothalamus): Appetithemmung, Energieverbrauch↑, Sexualfunktion
- Anti-Inflammatorisch: Hemmung von NF-κB, Reduktion von TNF-α, IL-1β, IL-6
- Sepsis-Schutz: α-MSH reduziert lethale Endotoxämie in Tiermodellen
- Nierenprotektiv: MC1R-Aktivierung schützt proximale Tubuluszellen vor ischämischer Schädigung
Klinisch genutzte Analoga
| Analogon | Rezeptor | Indikation | Status |
|---|---|---|---|
| Afamelanotide (Scenesse®) | MC1R | Erythropoetische Protoporphyrie | Zugelassen |
| Bremelanotide (Vyleesi®) | MC4R | HSDD (weibliche Libidostörung) | Zugelassen |
| Setmelanotide (Imcivree®) | MC4R | POMC/LEPR-Defizienz-Adipositas | Zugelassen |
| Melanotan II | MC3/4R | (Research only) | Nicht zugelassen |
Einschränkungen
Natives α-MSH ist wegen seiner kurzen Halbwertszeit therapeutisch kaum nutzbar. Die klinisch relevante Geschichte spielt sich über die synthetischen Analoga ab, von denen mehrere zugelassen sind.

