Hintergrund
Adrenomedullin wurde fast zufällig entdeckt: Kitamura und Kollegen suchten nach Vasodilatoren in Phäochromozytom-Extrakten und fanden ein neues, extrem starkes vasodilatierendes Peptid. Die Benennung nach dem Nebennierenmark (Adrenomark = Nebennierenmark, Medulla) reflektiert den Entdeckungsort, nicht die primäre Physiologie.
Die embryonale Lethalität von AM-Knockout-Mäusen zeigt die absolute Essentialität von Adrenomedullin für die kardiovaskuläre Entwicklung – es gibt kein Ersatz-Signalsystem.
Wirkmechanismus
- Vasodilatation: CLR/RAMP2-Aktivierung → cAMP↑ → glatte Muskelrelaxation in Widerstandsgefäßen
- Endothelintegrität: AM stabilisiert Endothel-Zell-Verbindungen (Tight Junctions, VE-Cadherin) → reduzierte Kapillar-Leckage
- Natriurese: Renale AM-Wirkung → erhöhte Na⁺-Ausscheidung
- Anti-Inflammation: Hemmung von NF-κB, Reduktion pro-inflammatorischer Zytokine
- Antimikrobiell: Direkter mikrobizider Effekt (strukturelle Ähnlichkeit zu Defensinen)
- Angiogenese: Endothelzell-Migration und -Proliferation fördernd (Tumorgefäßbildung)
Klinische Relevanz als Biomarker
MR-proADM (mid-regionales pro-Adrenomedullin) ist der stabilste AM-Biomarker und bei Sepsis/Pneumonie stark erhöht. Er korreliert mit Schweregrad und Mortalität. In der SMART-COP-Studie war MR-proADM bester Prädiktor für Intensivpflicht bei Pneumonie.
Therapeutisches Potenzial
Adrecizumab (anti-ADM-IgG2 Antikörper) – der innovative Ansatz: statt AM zu aktivieren, bindet der Antikörper freies AM und stabilisiert/verlängert seine Wirkung. In Phase II bei septischem Schock zeigte Adrecizumab Verbesserung der Mikrozirkulation (ADRENOMICS).
Einschränkungen
AM-Infusion kann starke Hypotonie verursachen; therapeutisches Fenster schmal. Die Doppelrolle (vasodilatierend + angiogen) macht AM bei Krebs ambivalent.

